Kinderbetreuung in Bayern – ein Rant

Wer in Bayern lebt und Kinder hat (ich habe selbst einen 5-jährigen Sohn), braucht entweder eine Großfamilie oder hat einfach Pech gehabt!

Nein, ich schreibe nicht über ein kleines Dorf im Jahr 1954 irgendwo im Bayerischen Wald sondern über 2014 und die viertgrößte Stadt Bayerns: Regensburg
Aber das Problem ist nicht regional beschränkt, sondern eher der Regelfall.

Wer auf die vollkommen absurde Idee kommt, sein Kind in so eine futuristische Einrichtung wie die Kinderkrippe geben zu wollen, steht gleich am Anfang des Elterndaseins vor dem ersten Problem:

Kinderkrippenplatz finden
In Bayern heißt das für gewöhnlich:
– Glück haben, überhaupt einen der raren Plätze zu bekommen
– Viel Geld haben, diese sündhaft teuren Plätze bezahlen zu können
– Damit leben, sein Kind in eine religiöse Einrichtung zu geben oder auf noch viel mehr Glück hoffen, um einen der noch rareren Plätze in einer der wenigen konfessionsfreien Einrichtungen zu bekommen.

Im Klartext bedeutet das, dass ein Krippenplatz (je nach Einrichtung) bis über 500€ im Monat kosten kann.
Es bedeutet außerdem, dass man sich dumm und dusselig sucht, bis man vielleicht Glück hat und einen freien Platz ergattert.

Diese hoffnungslos kinderfeindliche Situation führt zu solch absurden Blüten, wie Eltern, die praktisch gleich nach der Zeugung des Kindes auf Kinderkrippenjagd gehen (kein Scherz!) oder wenig subtile Bestechungsversuche der Art „Ich habe einen guten Job und würde der Einrichtung was spenden.“
Ich mache diesen Eltern keinen Vorwurf – sie haben keine Wahl.

Wer jetzt übrigens auf den Gedanken kommen sollte, den Kirchen für ihr großherziges Engagement zur Entschärfung der Situation danken zu wollen – vergesst es! Kirchliche Kinderkrippen heißen nur so. Praktisch werden sie nahezu vollständig vom Steuerzahler finanziert. Das Sagen hat aber ausschließlich die Kirche bzw. der kirchliche Träger. Der nächste Facepalm ist hier sicher mehr als überfällig …
(Das Gleiche gilt im Übrigen auch für Kindergärten und diverse andere Einrichtungen.)

Auf die abgrundtief miserable Bezahlung der dort arbeitenden Fachkräfte gehe ich besser nicht weiter ein, sonst wird das eher ein Buch als ein Blogartikel.

Also zurück zur chronologischen Abfolge der Katastrophen.
Wenn man also den nervenaufreibenden Kampf um einen Kinderkrippenplatz gewonnen hat und glaubt, jetzt endlich etwas Ruhe zu haben, täuscht man sich gewaltig. Der nächste Spaß kommt gleich Huckepack:

Schließzeiten
Kinderkrippen (und auch Kindergärten) haben für gewöhnlich 30 Tage im Jahr geschlossen. Nein, ich meine nicht Wochenenden oder Feiertage sondern Arbeitstage!
Jetzt kann jeder mal auf seinen persönlichen Urlaubskalender schauen und 1 und 1 zusammenzählen. Wer das Glück hat, überhaupt 30 Urlaubstage zu haben, bekommt also mit der Anmeldung in Kinderkrippe bzw. Kindergarten auch gleich seine Jahresurlaubsplanung mitgeliefert.
(Spoiler: Das Gleiche gilt später auch für den Schulhort.)
Mit etwas Glück und Spucke (und natürlich wieder einer hübschen Stange Geld) kann man im Kindergartenalter 10-15 Tage davon abraspeln, indem man einen Platz im Sommerferienkindergarten ergattert. In Regensburg unterhält die Stadt ganze 2 davon. Einer deckt 2 von 4 Augustwochen ab, der andere 3 von 4.
Dass man dafür mit größter Wahrscheinlichkeit durch die halbe Stadt gurken darf, um Junior morgens abzuliefern bzw. abends wieder abzuholen, interessiert natürlich auch niemanden. Dein Kind – dein Problem!

Sozial geht anders!

Aber wieder zurück zur zeitlichen Abfolge:
Wenn der Spross 3 Jahre alt ist, ist der Kindergarten fällig. Nein, falsch! Am besten beginnt man mit der Jagd nach dem Kindergartenplatz mindestens anderthalb Jahre vorher – zumindest wenn es einem nicht egal ist, dass für Junior nur noch ein Platz in einem erzkatholischen Aufbewahrunglager am gegenüberliegenden Rand der Stadt übrig bleiben könnte.
Also das gleiche Spiel wie mit der Kinderkrippe von vorn. Strippen ziehen, gute Miene machen, wortreich erklären, dass der Zwerg schon Kinder in der Einrichtung kennt – so ziemlich jeder Trick ist recht, um die Wächter der Plätze auf deine Seite zu ziehen.

Wenn man einen Kindergartenplatz ergattert hat, ist erstmal kurzes Verschnaufen dran, denn die Preise fallen endlich. Mit rund 200€ im Monat ist so ein Platz zwar immer noch nicht billig aber eine ganze Ecke günstiger als ein Kinderkrippenplatz.
Wer glaubt, mit einem Kinderkrippenplatz einen automatischen Übergang in den Kindergarten sicher zu haben, der irrt. Das klappt nur bei wenigen Einrichtungen, die beides unter einem Dach und einer Verwaltung vereinen. In der Regel ist das nicht der Fall.
Übrigens auch hier der (wahrscheinlich überflüssige) Hinweis:

Alles muss hier seine bürokratische Ordnung haben
Anträge sind schriftlich einzureichen.
Bewerbungsfristen sind de facto absolut.
Beginn ist immer der 1. September eines Jahres. Wer später (oder früher) einsteigen will, kann auch genauso gut Lotto spielen.
Automatisch geht so gut wie gar nichts.

Hort
Hier wiederholt sich das Spiel erneut.
Während man die Schule zugewiesen bekommt, ist ein Hortplatz wieder ein reiner K(r)ampf. Zwar gibt es Horte, die bestimmten Schulen zugeordnet sind. Doch sind diese oft genug derart klein, dass teilweise noch nicht mal alle Geschwisterkinder in einigen Jahrgängen aufgenommen werden können. Das führt dann dazu, dass die Eltern eine kleine Stadtrundfahrt machen dürfen, um ihre Sprösslinge nach der Schule einzusammeln. Genau das, was man sich am Ende eines anstrengenden Arbeitstages wünscht. Jeden Tag …

Öffnungszeiten
Während uns von allen Seiten eingehämmert wird, dass wir flexibel sein sollen, so hat das auf die Öffnungszeiten keinen Einfluss. Wer also Schicht arbeitet und nicht gerade bei BMW angestellt ist und den dortigen Werkskindergarten nutzen kann, hat verzockt. Kinderkrippen und -gärten öffnen in der Regel um 7 Uhr und schließen meistens um 17 Uhr. Wer also Überstunden schieben muss, hat auch ein Problem. Arbeit am Wochenende? Pech gehabt!

Warum die Politiker nicht müde werden über die miesen Geburtenraten zu jammern aber nicht auf die simple Idee kommen, vielleicht mal ein paar Hürden des Elterndaseins aus dem Weg zu räumen, damit ein Kind überhaupt realistisch machbar wird, mag wohl nur mit der nahenden Vergreisung und/oder beginnenden Demenz so einiger Politiker zu erklären sein. Diesem Faktor sind sicher auch so absurde Vorschläge zuzuschreiben, wie z.B. der Plan arbeitslose Schlecker-Angestellte als Erzieherinnen einzusetzen. Dass das Thema „Kinderbetreuung“ keine Randerscheinung der Politik ist, scheint bei denen, die diese zu verantworten haben, noch nicht angekommen zu sein.

Dass es anders geht, zeigen Staaten wie Schweden. Dort gibt es (und das nicht nur ausnahmsweise) 24/7-Kindergärten. Mit exzellent ausgebildeten Personal. Ohne Zusatzkosten. Die Geburtenraten sind in Schweden übrigens erheblich höher als in Deutschland. Warum nur …?


Kommentare

13 Kommentare zu Kinderbetreuung in Bayern – ein Rant

    • umrath schrieb am

      Natürlich kann man das in Eigenregie lösen.
      Mir geht es aber darum, dass arbeitende Eltern, die nun nicht gerade zu den unterbeschäftigsten in diesem Lande zählen, nicht noch unnötig zusätzlich belastet werden.

      In meinen Augen ist das Angebot einer Kinderbetreuung Aufgabe des Staates. Und dieser Aufgabe kommt dieser Staat nicht gebührend nach.

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