Märtyrer – ein Berufsbild mit Zukunft?

Märtyrer haben als Beruf eine lange, ehrwürdige Tradition. Schon im antiken Rom erfreute sich dieser Beruf mit Glamourfaktor insbesondere bei Christen großer Beliebtheit. Damals waren die Anforderungen jedoch noch wesentlich niedriger: Schon durch das Verweigern der Teilnahme an einem Trankopfer konnte sich ein Bewerber dafür qualifizieren und diesen Beruf dann meist lebenslang ausüben.

Heute können Märtyrer von solchen paradiesischen Zuständen bis zu ihrer Ankunft ebenda nur träumen. Der Beruf erfordert meist eine jahrelange Ausbildung, die nur in bestimmten Ländern wie Afghanistan oder dem Jemen überhaupt angeboten wird – Ländern mit wenig Freizeitwert, wenig Shoppingmöglichkeiten und einer viel zu geringen Dichte an Fast-Food-Läden. Unattraktiv für viele Jugendliche. Die Berufsausübung erfordert wiederum eine große zeitliche und räumliche Flexibilität, denn oftmals müssen Azubis jahrelang darauf warten, dass zumeist europäische oder nordamerikanische Länder den jungen Menschen eine Gelegenheit geben, sich zu profilieren – echte Durchbrüche wie der durch das World Trade Center in New York sind selten. Dabei kann der eigentliche Einsatz von hochkomplizierten Flugmanövern, aufwändigen Geiselnahmen bis zu simplen Amokläufen reichen. Das banale Anziehen eines Sprenggürtels und der anschließende Besuch der örtlichen Kasbah mit Sprengung ist ein Job für talentlose Azubis, deren Ausbildung damit auch schon beendet ist. Das Berufsbild des „Bekennerbriefschreibers“ oder „Manifestverfassers“ ist dagegen für arbeitslose Journalisten hoch interessant und lukrativ.

Zudem kommt heute kaum noch ein Märtyrer ohne formelles Terrornetzwerk aus, wobei diese nicht mit Gewerkschaften gleichzusetzen sind, sondern sich um die Ausbildung, den Unterhalt der Camps und die anschließende Vermarktung und PR kümmern – jedoch wenig professionell. Durch die hohe mediale Aufmerksamkeit würde sich Sponsorenwerbung (an den Sprenggürteln, auf den Flugzeugen etc) anbieten, bleibt jedoch sträflich aus. Dies und die starren hierachischen Strukturen, die aufstrebenden Jungmärtyrern die Karriere erschweren, sind wohl die Hauptgründe, warum der Lohn seit der Antike stagniert, sodass fraglich ist, ob mit 72 Jungfrauen heute überhaupt noch die gesetzlichen Anforderungen für den Mindestlohn erreicht werden. Dabei sind die Lohnnebenkosten (durch wegfallende Renten- sowie Krankenkassenbeiträge) extrem niedrig. Sterben muss sich wieder lohnen!

Dennoch ist der Trend klar: Die Popularität des Berufsbilds steigt, nicht nur bei Immigranten. Aber diese tragen wesentlich dazu bei, dem Beruf auch hierzulande wieder die nötige Geltung und Respekt zu verschaffen. Traurig. Die vielversprechende Baader-Meinhof-Gruppe, die ihre Anschläge aber dann doch frecherweise überleben wollten, taugt nicht als Vorbild. Die Frage ist also: was können wir von erfolgreichen Märtyrern lernen, um den Beruf auch in Deutschland attraktiver zu gestalten?
Zunächst einmal muss Deutschland es wagen, die Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen. Zwar gilt der Beruf hierzulande als ausgestorben und Immigranten allein können den Fachkräftemangel nicht lösen. Potential für Märtyrertum bildet sich jedoch an unerwarteter Stelle: in der Politik. Mit einem großen Knall hatte der letzte rechtsextreme Märtyrer, Adolf Hitler, seinen Beruf zwar bereits 1945 an den Nagel gehängt, aber sein Erbe wird von NPD, AfD und Pegida bis heute hochgehalten. Da wäre es nur sinnvoll, auch über die Weiterbildung zum Märtyrer nachzudenken. Und da diese Organisationen schon seit langem über berufliche Konkurrenz aus dem Ausland klagen, bietet sich hier die Chance für ein echtes Alleinstellungsmerkmal, das jungen deutschen Glatzköpfen, die sich als nicht ausreichend qualifiziert zum Tellerwaschen erwiesen haben, eine auskömmliche berufliche Zukunft bietet.

Zudem muss Deutschland den jungen Märtyrern auch eine berufliche Perspektive bieten. Aktuell sind die staatlichen Provokationen – Kriege, Skavenhaltung, Kolonialismus – auf einem derart niedrigen Niveau, dass jüngst sogar die Redaktionsräume eines französischen Magazins zuhilfe genommen wurden, um sich märtyrergerecht zu empören. Eine Schande für einen Beruf, der im Circus Maximus in Rom groß geworden ist. Die Gründe für modernes Märtyrertum sind oft läppisch und nichtig und erreichen in der Bevölkerung deswegen auch nicht den notwendigen Rückhalt. Blickt man an die glorreichen Anfänge in Rom zurück, findet man auch eine befriedigende Lösung: Das Publikum ist heute nicht weniger voyeuristisch als vor 2000 Jahren, musste jedoch mangels Nachschub seine Blutlust mit sogenannten Killerspielen, Quentin-Tarantino-Filmen und Kannibalenforen stillen. Hier kann der Staat ein ganz klares Signal setzen: Es ist unweigerlich und folgerichtig, dass der Staat in Märtyrerarenen investiert. In diesem Bereich liegt die berufliche Zukunft ideologisch aufgeheizter Jugendlicher. Hier können hunderte, ja sogar tausende Märtyrer gleichzeitig einer geregelten Arbeit nachgehen. Und das ohne den unangenehmen, traurigen und lästigen Kollateralschaden unschuldiger Opfer. Märtyrer für Märtyrer – das ist die Devise! Je nachdem, welches Investitionsmodell man zugrunde legt, könnte sich eine Märtyrerarena bereits nach wenigen ausverkauften Kämpfen amortisiert haben. Somit müsste auch die Privatwirtschaft dringend nachziehen. Das Privatfernsehen hat schon großes Interesse signalisiert und ein (noch ungenannt bleiben wollender) Kanal sich die Exklusivrechte gesichert. Angedacht ist auch eine Martyriumsolympiade, wo die besten weltweiten Terrornetzwerke in ihren Disziplinen wetteifern sollen, sowie eine Castingshow namens „Deutschland sucht den Supermärtyrer.“

Das große Problem dabei ist, dass der Beruf immer noch sehr unattraktiv ist. Der Märtyrer muss damit leben, von seinen 15 Minuten Ruhm nichts mitzubekommen – das ist der Berufsbeschreibung quasi immanent. Aber er (oder sie, in zunehmendem Maße), konnte sich bislang nur freuen, wenn Nichten, Neffen und die Kinder der gesamten Nachbarschaft nach einem benannt werden und so der posthume Ruhm hochgehalten wird. Doch das genügt heutigen Märtyrern nicht mehr. Die neu gegründete Gewerkschaft deutscher Märtyrer (GdM) fordert daher Exklusivvermarktungsrechte, beginnend sechs Monate vor dem geplanten Freitod. Zudem sollten mittelständische Selbstmörder von der Erbschafts- und Vergnügungssteuer befreit werden, da ihr Ableben sonst sowohl ihre Familien als auch ihr eigenes, sich im Paradies befindliches Selbst, in hohe Schulden stürzen kann. Wer nur 72 Jungfrauen erhält, sollte davon nicht 60 wieder an Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel abgeben müssen. Außerdem müsse über eine Erhöhung der Jungfrauenquote nachgedacht werden, fordert die GdM. Häufig haben viele der „Jungfrauen“ diesen Status bereits mit 13 Jahren an eine Gurke verloren. Hier ist eine dringende Qualitätskontrolle erforderlich – zumal der gegenwärtige Wechselkurs so stark schwankt, dass bisher noch nicht klar ist, ob Märtyrer als achthundertvierunddreißigste Ausnahme zum Mindestlohngesetz hinzugefügt werden müssen.

Insbesondere Frauen in Märtyrerberufen stellen eine ganz neue Herausforderung an die Gesellschaft dar. Zwar werden sie zunehmend im Nahen Osten eingesetzt, aber mit den üblichen niederen Azubijobs abgespeist. Diese gläserne Decke ist nicht hinnehmbar! Wann wird die erste Frau einen Terrorbomber in ein Hochhaus steuern? Die Vorraussetzungen dafür bringen sie mit! Von ihnen wird immer noch gefordert, sie müssten in Bezug auf den Mindestlohn den Sprenstoffgürtel enger schnallen als ihre männlichen Kollegen. Für ihren Lohn ist nicht einmal ein Jungfrauennachweis erforderlich, sodass sich unter den 72 „Jungfrauen“ häufig Männer in Midlifecrisis befinden. Die GdM beklagte sogar einen Fall, in dem eine Märtyrerin sich plötzlich einem Priester gegensah, der sie mit einem Ministranten verwechselt hatte!

Deutschland steht also vor gewaltigen Herausforderungen. Das Potenzial ist jedoch ohne jeden Zweifel vorhanden und sollte dringend genutzt werden, denn Märtyrertum bringt für Deutschland die einmalige Chance, viele unzufriedene Arbeitslose, die ansonsten ihre Zeit mit dem Malen von Hakenkreuzen und der Belästigung ausländischer Mitbürger verplempern, wieder in Lohn und Brot zu bringen. Deutschland hat seine Chance verpasst, ein führendes IT-Land zu werden, und sollte nicht auch noch diese Chance vergeben. Andernfalls erlangen Frankreich und Norwegen einen uneinholbaren Vorsprung.

Anmerkung: Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von @scaramouche1989.
Bildquelle: Hans-Jürgen Schaller


Kommentare

3 Kommentare zu Märtyrer – ein Berufsbild mit Zukunft?

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen

Suche

in

Kategorien