Von Enttäuschungen und dem Verlust der Illusion etwas ändern zu können

Ahoi Piraten!

Anfang 2009 bin ich Mitglied der Piraten geworden, jener Partei, die als einzige die Zeichen der Zeit erkannt hatte und sich für den digitalen Wandel und für ein positives Menschenbild einsetzt.
Zu dieser Zeit war ich im Ausland und konnte eine geradezu wundersame Entwicklung beobachten, die darin gipfelte, dass wir nach Achtungserfolgen bei der Europawahl 2009 und der Bundestagswahl im gleichen Jahr, kurze Zeit später schließlich in 4 Landtagen Fraktionsstärke erlangten und in der Folge reiheinweise Kommunalmandate errangen.

Die Piraten waren da angekommen, wo wirklich Politik gemacht wird. Wir wurden ernstgenommen und die anderen Parteien gingen felsenfest davon aus, dass wir 2013 in den Bundestag einziehen würden, dass eine neue politische Kraft geboren worden war.

Wir haben uns alle geirrt.

Schon 2012 wurde deutlich, dass die Piratenpartei sehr heterogen ist, dass wir für eine kleine Partei eine erstaunliche Bandbreite an Meinungen vereinen, die im Großen und Ganzen nur wenige Schnittmengen hatten. Und genau das wurde uns zum Verhängnis.

Spätestens Anfang 2013 war klar, dass der völlig absurde Höhenflug ein jähes Ende gefunden hatte und dass die Piraten sich in einem Sturzflug befinden. Doch statt jetzt bewusst gegenzusteuern und das Ruder herumzureissen, wurde so getan, als wenn alles in bester Ordnung wäre. Vorstände waren vorwiegend damit beschäftigt, Durchhalteparolen zu verbreiten, statt die Probleme zu adressieren.

Was war geschehen?

Wir hatten viele Politikneulinge in die Parlamente gewählt, aber vor allem auch Selbstdarsteller, Karrieristen und Spinner, die keine Ahnung davon hatten, was wirklich abgeht und worum es wirklich geht. Es gab einen langen, mühsamen Lernprozess, der noch immer andauert. Doch statt die Realitäten zu akzeptieren und zu versuchen, dass Beste aus den Möglichkeiten zu machen, begann ein mehr oder minder offener Krieg zwischen etlichen Abgeordneten, Vorständen und Teilen der Basis. Jede beschuldigte den jeweils anderen des Machtmissbrauchs und verschiedenster jeweils opportuner Vorwürfe.

Uns fehlte (und fehlt noch immer) der Wille zum geeinten Auftreten.

Diese Partei ist in weiten Teilen durchsetzt von Misstrauen, Neid und Missgunst. Wir demonstrieren unter dem Banner „Freiheit statt Angst“ und haben selbst die größten Angsthasen dieser Republik in unserer eigenen Partei.

In unserer Satzung trauen wir uns nicht, den Vorständen Ordnungsmaßnahmen in die Hand zu geben, um gegen Berufsquerulanten und Wichtigtuer vorzugehen. Etliche Vorstände trauen sich nicht, klar Position gegen solche Leute zu beziehen und unser Bundesschiedsgericht kassiert im Dutzend Ordnungsmaßnahmen, in der irrigen Annahme die Meinungsfreiheit (oder was auch immer) zu verteidigen. In Berlin erodiert ein großer Teil des Landesverbandes und kippt so weit nach links ab, dass man schon das Gefühl hat, sie auf der rechten Seite wiederzufinden.

Die Liste lässt sich fast beliebig fortsetzen.

Gleichzeitig haben wir die oben schon erwähnten Selbstdarsteller, Lebenskünstler und Spinner unwidersprochen gewähren lassen, ja sie sogar wissentlich in hohe Ämter gewählt. Leute, die offenbar keinerlei Ahnung davon hatten, um was es eigentlich geht und lieber ihrer eigenen Agenda folgten, wurden Vorstände oder Mandatsträger und durften in der Presse den größten Blödsinn absondern, den man sich nur vorstellen kann.

Wir machten uns einfach lächerlich.

Ich bin seit 2012 sehr intensiv in der Piratenpartei tätig, war im Superwahljahr 2013 Bezirksvorstand und zur Landtagswahl in Bayern Direkt- und Listenkandidat für die Piraten. Ich stehe nach wie vor für genau die Themen, die einst zur Parteigründung geführt haben. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass dieses Land dringend eine Netzpartei, eine liberale Partei braucht.
Bezeichnenderweise war eine meiner ersten Amtshandlungen nach der Wahl zum Vorsitzenden des Bezirksverbandes die Schadensbegrenzung, nachdem ein Beisitzer in einem Kreisverband nichts wichtigeres zu tun hatte, als in der Presse seine persönliche Meinung als Parteimeinung zu verkaufen und damit einen Shitstorm loszutreten, der es bis zu Spiegel Online brachte.

Der im Sommer 2014 gewählte Bundesvorstand hat eine Hypothek übernommen, die kaum zu bezahlen ist. Wir haben ausnahmsweise wirklich gute Leute gewählt, die sich von schwachsinnigen Egotrips fernhalten und sinnvolle Positionen vertreten. Leider finden diese Vorstände kaum noch Gehör und kämpfen so sehr mit den Schäden, die die vorherigen Vorstände hinterlassen haben, dass es geradezu zum heulen ist.

Inzwischen bin ich einfach desillusioniert und ausgebrannt. Auch wenn 2014 nicht sonderlich viel zu tun war, habe ich doch in den letzten Jahren sehr viel Kraft, Zeit und auch Geld in die Piraten investiert. Dabei habe ich vor allem mich selbst, zeitweise aber auch Freunde und Familie vernachlässigt. Das muss und das wird ein Ende haben.
Ich werde Mitglied der Piraten bleiben, da ich nach wie vor felsenfest hinter den Idealen und Ideen dieser Partei stehe.
Aber ich werde in nächster Zukunft weder Vorstandspositionen noch Beauftragungen annehmen und lediglich Basismitglied sein.

Ein ganz besonderer Dank gilt Benny, der als mein rechter Arm in 2 Amtszeiten ein noch größeres Arbeitspensum zu erledigen hatte.

Mast- und Schotbruch!
Umrath


Kommentare

39 Kommentare zu Von Enttäuschungen und dem Verlust der Illusion etwas ändern zu können

  1. Uwe Bruckmann schrieb am

    Ahoi Pirat !

    Ich kann deinen Text nachvollziehen und bin froh, dass du trotzdem Pirat bleibst und danke dir für deinen Einsatz. Ich bin in einem KV Vorstand und kann alles das nachempfinden. Im Moment sind wir als Partei in einer Umbruchphase. Es entscheidet sich nun ob wir eine seriöse und wählbare Partei werden, oder die von dir genannten Mitglieder die Partei endgültig entern und zu einer 1 bis 2 % Partei machen. Ich hoffe wirklich, dass der jetzige Vorstand sich durchsetzt und wir gemeinsam den Umbruch schaffen. Dass der Wähler erkannt hat, dass eine moderne und digitale Partei nötig ist, haben wir ja festgestellt. Dann wandelte sich das Wählerurteil über uns zu „Piraten sind unwählbare Chaoten“. Diese Meinung über uns müssen wir ändern und konsequent gewisse Piraten aus Funktionen nehmen.

    2015 wird sich entscheiden, wohin unser Weg uns führt. Und bitte entsorgt endlich unsere Karteileichen und Nichtzahler.

  2. el_kartono schrieb am

    ich bin da ähnlich desillusioniert, leider :/ Aber auf den Einzug in die diversen Parlamente brauchst Du nichts geben. Wir waren (sind) eine unfertige Partei, die da auf einmal in einen Riesen-Strudel reingeraten ist. Viele von unseren Ex-Wählern findest Du heute Montags bei Pegida und bei den Mahnwachen. Also war das nie das, was die Piratenpartei ursprünglich wollte. Davon bin ich überzeugt. Insofern: Irgendwann wird es schon wieder aufwärts gehen, nur eben nicht sehr bald :/
    Vielen Dank, Thoralf, für Deinen Einsatz in meiner Lieblingspartei. Lass jetzt erstmal das Ganze hinter Dir und konzentrier Dich auf Leben, Familien und Co.

  3. piratsimon schrieb am

    Willkommen im Club. Spät aber immerhin. 🙂
    PS: Nur bei der Zeit irrst Du Dich. Das Problem begann bereits Ende 2009 bzw 2010. Nur die Symptome wurden immer deutlicher so dass auch 2012 vermehrt Leute darüber stolperten.
    Es war ja nun nicht so dass nicht gebetsmühlenartig auf die Probleme hingewiesen wurde. 😉 Dass Halle alles sofort fixen würde, war eine Illusion und es ging bei vielen “Enttäuschten” auch nicht darum dass diese erwarteten dass nach halber Amtszeit des gegenwärtigen BuVo alles erledigt sein würde.
    Allerdings begann bereits in Halle der Fehler damit dass Sekor in einer Rede die finanziellen Eskapaden des kBuVo generös amnestierte. Auch später ist das Handeln des BuVo zwar als gut gemeint aber leider inkonsequent, zögerlich und streckenweise ängstlich. Die “Ausrede” ist dann vielfach das Arbeitsaufkommen, wenngleich zur Verfügung stehende helfende Hände konstant ausgeschlagen werden, denen man durchaus dedizierte Aufgaben per Delegation zuweisen könnte. Eine gute Personalführung zeichnet sich eben auch dadurch aus, dass sie Aufgaben delegieren kann ohne die Aufsicht zu verlieren. Da herrscht noch akuter Handlungsbedarf.
    Auch ist ein Problem dass “entschuldigend” noch immer gerne anstehende Wahlen als Argument für “Nicht-Handeln” herangezogen werden. Dabei wird die Tatsache ignoriert, dass wir bei den nächsten Wahlen – so schmerzhaft das für manchen sein mag – ohnehin chancenlos sind. Allein ein konsequentes Leben unserer Werte und Durchsetzen unserer Satzung würde ggf. wieder verlorene Stammwähler, welche uns einst in Schwindel-erregende 2stellige Prozentumfragen brachten, zurückbringen. Aber genau das wird auf Zeiträume “nach den Wahlen” stets weiter verschoben mit dem Resultat dass am Ende wieder nichts passiert. Aber statt diese Realität endlich wahrzunehmen wird auch der letzte Euro mit Gewalt in den Ofen geworfen, wenngleich ein ohnehin chronisch unter Geldsorgen stehender Bundesverband das Geld lieber in Bildung und BPT stecken sollte.
    Viele sind daher frustiert – so wie Du – und drücken das auf unterschiedliche Weise aus. Einige werden praktisch inaktiv oder stehen nicht mehr für repräsentative Aufgaben zur Verfügung, andere zahlen ihren Mitgliedsbeitrag einfach nicht mehr und wieder andere treten leider sogar aus.
    Ich hoffe einfach mal dass der gegenwärtige BuVo seine Fehler umgehend korrigiert und sich strategisch effektiver ausrichtet. Die Zeit ist zwar knapp bemessen aber das Glas ist noch halb voll.
    Wenn nicht jetzt dann wohl nie.

    • Andena schrieb am

      Da hast Du vollkommen recht. Das Problem begann Ende 2009 / Anfang 2010 mit dem Durchdrücken dieses fatalen Liquid Feedback. Was haben wir mit den 7 Zwergen damals epischen Diskussionen geführt, warum dieses antidemokratische System systembedingt scheitern muss. Aber leider wollten die Piraten nicht auf uns hören und sind den LQFB-Rattenfängern ist Netz gegangen. Das war der Startpunkt des Niedergangs der Piratenpartei.
      .
      Lösen kann der jetzige Bundesvorstand dieses Dilemma nur durch beherzte Maßnahmen wie Ausschluss aller antideutschen Wirrköpfe und Antidemokraten aus der Piratenpartei.

  4. Ingenieur schrieb am

    Ja, ich kann dich voll verstehen. Ich habe im 02. 2013 resigniert und irgendwie aufgegeben. Aber jetzt schöpfe ich neuen Mut. Es tut sich was. Ich bin gespannt auf das neue Programm in Hessen. Vielleicht sollten sich einige Piraten jetzt erstmal erholen. Und deren Energie brauchen wir dann in einem Jahr. Ich bin zuversichtlich.
    MFG, Thomas

  5. Michi schrieb am

    Die meisten „Selbstdarsteller, Karrieristen und Spinner“ haben das sinkende Schiff schon verlassen, aber solche Leute werden wieder kommen, wenn wir wieder Erfolg haben.

    Es freut mich, dass du Basispirat bleibst. Gönne dir eine Pause und vielleicht hast du in Zukunft wieder mal Lust dich mehr zu engagieren.

    Gebraucht werden wir Piraten mehr denn je. Man sieht zum Beispiel das die anderen Parteien gar kein Interesse zeigen den #NSA Skandal aufzudecken.

    Ich denke wir müssen uns aber erstmal auf die Kommunale Arbeit konzentrieren. Dort gibt es keine 5% Hürde und dort haben wir viele Mandate. Wenn wir dort gute Arbeit leisten, dann werden wir auch wieder ernst genommen.

    Michi

    P.S.: Du hast „Besitzer“ anstatt „Beisitzer“ geschrieben.

  6. Idahoe schrieb am

    Okay, ein letzter Versuch:
    Nun, ihr schafft es nicht, endlich für Klarheit zu sorgen. Nein das geht nicht über Weisungen, das geht nur über Verständigung.
    Wer Regeln fordert, zeigt damit lediglich seinen Mangel an Verstand, denn eine Regel gibt Anweisung und zeigt gerade, daß er keinerlei Interesse an Verständigung hat.
    Und NEIN, eine Vereinbarung ist keine Regel. Vereinbarungen setzen Verständigung voraus, allein da fehlt die Fähigkeit der gelingenden Kommunikation.
    Solange ihr nicht begreift, daß ihr Sprache erstmal WIEDER der Verständigung zugänglich machen müßt, werdet ihr scheitern. Stattdessen haltet ihr der Form(alie) die Hand und versteht nicht die Folgen eures eigenen Handelns.

    Ich bin bekennender Ablehner von Ideologien jeder Art, denn sobald diese greifen und die REGELN machen, ist der Wind für den Sturm gesät. Regeln sind ein klares Kennzeichen von Ideologien.

    Und deshalb, NEIN, es liegt nicht allein an den „Schein“linken, es liegt eben auch an den Liberalen. Und JA, auch der Liberalismus ist eine IDEOLOGIE und hat mindestens dieselben Sektenstrukturen, nur mit anderen Glaubensinhalten.
    Und nein, es gibt KEINE offene Ideologie oder eine ideologische Offenheit, denn eine Ideologie ist nur dem gläubigen Sektenmitglied zugänglich. Ideologisierte Sekten haben Regeln, Menschen treffen Vereinbarungen, sie bewegen sich auf Augenhöhe und werten den Anderen nicht ab, um sich selbst zu erhöhen und damit der eigenen Meinung ein stärkeres Gewicht zu verleihen.

    Regeln sind folglich genau das Problem, als dessen Lösung sie dargestellt werden und ihr wundert euch, weshalb ihr scheitert.

    Das mit dem „selber“ Denken ist nun einmal ziemlich anstrengend und Übung macht den Meister. Scheißhausparolen an die Wand malen, das kann jeder Depp. Ein Pirat, der für eine Ideologie steht, ist, jedenfalls für mich, niemals ein Pirat gewesen. Piraten wollen eine offene Gesellschaft und keine Idioten züchten.

    *Kopfschüttelnder* Gruß

  7. grumpy schrieb am

    Kann ich persönlich voll und ganz nachvollziehen – bis auf eine Ausnahme. Der in 2014 gewählte Vorstand findet Gehör: vor allem bei den Nichtselbstdarstellern.

    Geduld und langer Atem sind vonnöten – auch wenn das vielen ’nicht schmeckt‘, um überhaupt eine Form von ‚Struktur‘ aufbauen zu können.

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